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Listening to the Wind

19. August - 30. September 2023

Adelheid Fuss
Sven Gatter
Ines Schaikowski

Adelheid Fuss, Erdachtes Land, Cyanotypie, Detailansicht, 2020. Foto: ©Michael Lüder

Eröffnung: Freitag, 18. August 2023, 18 Uhr

Führung & Finissage mit Lesung: Samstag, 30. September 2023, 15 Uhr
Durch die Ausstellung mit der Kuratorin Marie Egger > hier geht's zum Ticketshop
Ab 16 Uhr Lesung mit Judith Zander
Anschließend kleine Finissage im Hof der Galerie

 

Die Gruppenausstellung Listening to the Wind widmet sich den aktuellen, vergangenen und zukünftigen Transformationsprozessen, denen die Stadt Bernau ausgesetzt ist. Bernau liegt in einer Region, die besondere gesellschaftliche Veränderungen prägen: Sei es durch den Wandel um 1990, durch die Nähe zur internationalen Metropole Berlin oder durch Bernaus Lage in einer historisch bedeutsamen europäischen Grenzregion, der wegen des Klimawandels bald Wasserarmut und Waldbrände drohen…

Die Künstlerin Adelheid Fuss interessiert sich für die geografischen, architektonischen und biografischen Zwischenräume solcher Transformationen und dafür, wie Menschen sich durch sie bewegen. Ihre Arbeit Erdachtes Land (2020) besteht aus sechs Cyanotypien, die hier wie ein geschlossenes Band präsentiert werden. Obwohl alle Teile richtig zusammengesetzt sind, wirkt die Komposition unabgeschlossen, flüchtig und ortlos. Mehrere Personen laufen aus verschiedenen Richtungen über die Bruchstücke einer Landkarte des Grenzgebiets zwischen Brandenburg und Polen. In ihren Schatten sind Ortsnamen lesbar: Rheinsberg, Gransee, Himmelpfort, Wriezen, Zechin, Kostrzyn. Woher kommen die Menschen? Wohin reisen sie? Und wie lange bleiben sie? Dass diese körperliche Bewegung vom einen Ort zum anderen auch eine emotionale ist, vermitteln die strauchelnden Wesen in Fuss‘ Serie transit (2015–2017): Die kleinen Bronzen bilden eine innere Entscheidungsfindung ab, indem sie das Ringen zwischen Körper und Geist darstellen. In Absprache mit uns dürfen Sie die Figuren gerne anfassen und neu arrangieren.

Sven Gatter hat für die Galerie Bernau ein Medley seiner Werkreihen Echo Tektur (seit 2020) und Ruinen/Modelle (2018-21) entwickelt. Dazu gehört auch eine unheimlich und beinahe dystopisch wirkende Videoanimation, die eine ruinierte Ziegelsteinmauer am Gelände des ehemaligen Bernauer Heeresbekleidungsamtes zeigt. Darin zittert die Architektur zwischen ihrem Status als Rest oder Neubau. Diese Stimmung ist laut Gatter typisch für strukturelle gesellschaftliche Veränderungen. Deshalb stellt der Künstler die Ruine (ein zerstörter Rest des Gewesenen) und das Modell (eine neue Vorstellung dessen, was werden kann) einander gegenüber, um zu zeigen, dass Transformationen stets von Frust, aber auch von Lust begleitet werden. Gatters Schwarz-Weiß-Fotos sind Ausschnitte der verschwindenden Architekturen verlassener Gasthöfe und Landwirtschaftsbetriebe in Ostdeutschland. Es lässt sich aber nur darüber mutmaßen, wo genau sie aufgenommen wurden und ob sie wirklich eine Ruine oder vielleicht doch ein Modell zeigen. Ähnliches passiert in dem Regal hinten in der Galerie: Es ist unklar, ob hier museumsreife Mauerreste oder doch spielerische Modelle gesammelt werden, an denen eine Vision des Zukünftigen entwickelt werden kann.

Die Wandarbeit Ohne Titel (2023, aus dem Projekt masse) der Künstlerin Ines Schaikowski nimmt mit einem Raster zwölf verschiedener Paneele die Materialität industriell hergestellter Alltagsgegenstände genauer in den Blick. Die aus Beton gegossenen Kuben enthalten Wäscheklammern und Wäscheleinen; die fotografischen Nahaufnahmen zeigen Schleifpapier und gestapelte Papierhandtücher. Schaikowski transferiert diese scheinbar belanglosen Gegenstände in den reflexiven Bereich unserer Wahrnehmung: Wann haben Sie welchen dieser Gegenstände zum letzten Mal benutzt? Und haben Sie ihn in diesem Moment als Objekt wahrgenommen, zu dem Sie sich verhalten können? Das Werk der Künstlerin regt dazu an, über den Umgang mit Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs nachzudenken und die eigene Beziehung zur Umwelt, zu sich selbst und zu anderen zu reflektieren…

Der Ausstellungstitel Listening to the Wind stammt aus der 1991 erschienenen Rockballade Wind of Change der Scorpions. Er ist hier als Appell gemeint, sich dem Wind des Wandels nicht zu versperren, sondern mit offenen Augen für die Gegenwart und mit Sensibilität für die Vergangenheit aktiv an der Gestaltung der Zukunft mitzuwirken.

Ausstellungsansichten

Fotos: © Alena Schmick