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Fluss ohne Ufer

7. Februar – 28. März 2026

Marei Loellmann

Produktion Marei Loellmann
Schleifen, 2025 (c): Carolin Seeliger

Eröffnung: Freitag, 6. Februar 2026, 18 Uhr
Finissage: Samstag, 28. März 2026, 16 Uhr

"Erinnerung und Zeit, beide immateriell, sind Flüsse ohne Ufer und verschmelzen ständig. Beide entziehen sich unserem Willen, obwohl wir von ihnen abhängen."

aus Nacht von Etel Adnan 

Landschaften bewahren Erinnerungen. Sedimentschichten in Böden und Gewässern zeichnen gesellschaftliche, historische und ökologische Prozesse nach, in denen Vergangenes fortwirkt. Was war, bleibt eingeschrieben und vermischt sich auf vielfältige Weisen in unzählige Verflechtungen von menschlichen und nicht-menschlichen Akteur*innen. In der Lausitz zeigen sich diese Spuren in der Braunfärbung der Spree und angrenzender Gewässer. Seit der Stilllegung des Braunkohleabbaus steigt das Grundwasser wieder an, wodurch das in der umgegrabenen Erde gelagerte Eisenoxid in das Wasser gelangt und es rotbraun färbt. An mehreren Stellen wird das Wasser gefiltert, um die Qualität zu erhalten. Daran zeigt sich, wie die Folgen der jahrhundertelangen langsamen Gewalt sichtbar in diese Landschaft eingeschrieben bleiben.

Marei Loellmann untersucht in ihrer Praxis die Beziehungen zwischen Land, Zeit und Körper. Ein Jahr lang zeichnete sie diese Spuren im Wasser auf, indem sie Stoffe direkt in den verockerten Gewässern der Lausitz und in den Becken der Filteranlagen färbte. In physischen Prozessen werden die Stoffe getränkt, eingerieben, gefaltet und geschichtet. Einschnitte im Material lassen die verschiedenen Lagen in einen Dialog miteinander treten. . Der Praxis liegt ein Arbeiten zugrunde, in dem Körper, Ort und Ereignis in zeitbasierten Prozessen miteinander in Verbindung treten. Das wiederholte Arbeiten vor Ort, der kontinuierliche körperliche Kontakt mit den Materialien, fordert Anwesenheit, Verweilen und Ausharren in den Bedingungen dieser Landschaft sowie das Integrieren ihrer Wunden .

Die Ausstellung ist als Rauminstallation konzipiert. Textilien, von der Decke hängende skulpturale Assemblagen und eine Bodenarbeit aus Eisenoxidschlamm und Asche durchziehen den Raum. Die Anordnung der Materialien fungiert als ein poröses Archiv, das Spuren gelebter Erfahrungen und ökologischer Transformationen registriert und sinnlich erfahrbar macht. Arbeiten ragen in benachbarte Räume hinein, Übergänge lösen klare Raumgrenzen auf. Skulpturale Assemblagen aus gebranntem Ton mit eingeritzten Textbruchstücken, Metalldraht, Seilen, Fäden, Perlen und mit Eisenoxidschlamm getränkter Seide eröffnen eine weitere Ebene. Sie reagieren auf Luftbewegung und ordnen sich stetig anders an. Die Fragmente aus Träumen und Erinnerungen konfigurieren sich immer wieder neu und ermöglichen verschiedene Lesrichtungen. Unterschiedliche Zeitlichkeiten bestehen nebeneinander, ohne ein abgeschlossenes Narrativ zu bilden.

Umbrüche sind in Landschaften, Architektur und Biografien allgegenwärtig. Postindustrielle Landschaften wie die Lausitz bewahren nicht nur Spuren der Vergangenheit, sondern eröffnen auch weiterreichende Perspektiven des Erinnerns und Nachdenkens über Gegenwart und Zukunft. Die hier versammelten Arbeiten rücken jene Wirkungen in den Vordergrund, die sich über lange Zeiträume entfalten und oft erst in ihrer Materialität sichtbar werden. Die Ausstellung lädt dazu ein, verinnerlichte Vorstellungen von Fortschritt und Zeit zu hinterfragen. Die Nutzung von Böden und Wasser ist ein materieller, körperlicher und ökologischer Prozess, der sich in menschlichen und nicht-menschlichen Körpern über gesellschaftliche, generationale und geologische Grenzen hinweg fortsetzt. Darin wird deutlich, dass Zeit nicht bloß vergeht, sondern dass wir sie gemeinsam erfahren, tragen und pflegen. Wie lassen sich diese Räume achtsam bewohnen und die in ihnen eingeschriebene Zeit erleben? Wie können sie – jenseits linearer Erzählungen – zu Orten des Verstehens, Austauschs und der Neuerzählung werden? Welche Geschichten, Realitäten und Zukünfte lassen sich in ihnen erkennen? Diese Ausstellung ist Auftakt eines einjährigen Programms, das das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet und zu Bewusstwerdung, Auseinandersetzung und Heilung anregen will.

Ein großer Dank geht an P.U.S GmbH und HeGo Biotec GmbH für die Kooperation und Bereitstellung der Erde.

 

River with no banks

“Memory and time, both immaterial, are rivers with no banks and constantly merging.
Both escape our will, though we depend on them.” 

From Night by Etel Adnan 

Landscapes preserve memories. Sedimentary layers in soils and waters trace social, historical, and ecological processes that continue to be shaped by the past. That which was remains inscribed and blends in myriad ways into the countless entanglements of human and non-human actors. In the region of Lusatia, which straddles Germany and Poland, traces of the past are visible in the brownish coloration of the Spree River and adjacent waterways. Since the mining of lignite, or “brown coal” came to a halt here, the groundwater level has begun to rise again, causing iron oxide stored in the excavated soil to enter the water and turn it reddish-brown. The water is filtered at several points to maintain its quality, yet the consequences of centuries of slow violence remain visibly inscribed in this landscape. 

In her practice, Marei Loellmann explores the relationships between land, time and body. Over the space of a year, she recorded these traces of industrial intervention by dyeing fabrics directly in Lusatia’s ochre-coloured waters and in the basins of filtration plants. The fabrics were then soaked, rubbed, folded, and layered. Incisions in the material bring the layers into dialogue with one another. Loellmann’s practice is based on a method in which body, place, and event interact in time-based processes. Her on-site work and continuous physical contact with the materials demand presence, consistency, and perseverance within the physical conditions of the landscape – and its wounds are integral to her pieces.

The exhibition is conceived as a spatial installation, integrating textiles, sculptural assemblages suspended from the ceiling, and a floor work made of iron oxide, mud and ash. The installation functions as a porous archive, registering and transmitting sensual traces of lived experiences and ecological transformations. Works extend into adjacent rooms, and transitions dissolve clear spatial boundaries. Sculptural assemblages of fired clay containing fragments of text, metal wire, ropes, threads, beads, and silk soaked in iron oxide mud reveal additional layers of meaning. These kinetic pieces respond to air currents and constantly rearrange themselves. Fragments of dreams and memories continually shift and reconfigure, allowing for numerous interpretations. Different temporalities coexist without forming a closed narrative. 

Upheaval is omnipresent in landscapes, architecture, and biographies. Post-industrial landscapes like Lusatia not only preserve traces of the past but also open up far-reaching perspectives for remembering and reflecting on the present and future. These collected works specifically highlight slow, gradual processes, the effects of which often become visible only through their materiality. The exhibition invites us to question internalized notions of progress and time. The use of soil and water is a material, physical, and ecological process that integrates human and non-human bodies across social, generational, and geological boundaries. By observing this process, we come to see that time does not merely pass, but that we experience, bear, and cultivate it together. How can these spaces be inhabited mindfully, and how can we experience the time inscribed within them? How can they transcend linear narratives to become places of understanding, exchange, and retelling? What stories, realities, and futures can be discerned within them? This exhibition marks the beginning of a year-long program that will explore this theme from diverse perspectives and aim to stimulate awareness, reflection, and healing.

Many thanks to P.U.S GmbH and HeGo Biotec GmbH for their cooperation and for providing the soil. 

Ausstellungsansichten

Zum 360° Rundgang gelangen Sie hier.

© Marei Loellmann, VG Bild-Kunst, Bonn

Fotos: Michael Depasquale