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Andrea Milde
Zweiheit, 2017
Roland Schefferski
Liebhaber, 2004-2019

Die Fäden einer Verwandtschaft

Eröffnung: Fr, 27. September 2019 | 19 Uhr

Laufzeit: 28. September – 22. November 2019

Die Fäden einer Verwandtschaft ist die fünfte Ausstellung in der Galerie Bernau im Rahmen des 100-jährigen Bauhaus Jubiläums. Sie zeigt Arbeiten der Künstler*innen Andrea Milde (geb. 1963, Deutschland) und Roland Schefferski (geb. 1956, Polen), zwei Positionen, die über die Arbeit mit Textilien verbunden sind. Mittels Weberei und Stickerei, knüpfen Andrea Milde und Roland Schefferski an das experimentelle Verständnis der Weberei-Werkstatt des Bauhauses an, und eröffnen einen zeitgenössischen Diskurs über Stofflichkeit. Aus dem Gedanken der Bewegungsfreiheit von Menschen und Objekten schaffen sie neue Formate und Produktionsformen, die Besucher*innen zum Mitmachen einladen.

Durch die Ausstellung bewegend begegnen Besucher*innen Objekten, die experimentelles Arbeiten mit Nadel und Faden zeigen: Andrea Milde, Zweiheit, 2017 und Roland Schefferski, Liebhaber - Installation, 2004-2018, Videoarbeiten, die Kunstaktionen dokumentieren: Roland Schefferski, Die Berliner und Andrea Milde, Tagebuch einer Weberin, sowie Arbeiten, die zu raumerweiterndem Denken und Handeln anregen: Roland Schefferski, Die Berliner, 2000-2019 und Andrea Milde, KuKuMobil, seit 2018. In Die Fäden einer Verwandtschaft kommen einem die Arbeiten gleichzeitig fremdgestrickt und doch hautnah vor.

Andrea Milde arbeitet mit dem traditionellen und zeitintensiven Handwerk der Bildwirkerei. Bildwirkerei bezeichnet sowohl die Technik des Einwirkens von Bildern und Motiven in textile Flächen als auch die Technik der Produktion selbst, der „Tapisserie“. Im Kontrast zur digitalen Möglichkeit in Sekundenschnelle eine Momentaufnahme zu verewigen, entsteht das Bild in der Bildwirkerei über mehrere Jahre. Während des Entstehungsprozesses verknüpft Andrea Milde persönliche und anvertraute Geschichten mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten über Migration, Mobilität und Kollektivität. Sichtbar wird dies unter anderem in Zweiheit (2017), einer Arbeit, die während der letzten Jahre des 30-jährigen Aufenthalts der Künstlerin in Spanien fertiggestellt wurde. Drei Figuren sitzen auf einer Kugel, eine Frau und zwei fremde Wesen. Auf der rotblauen Farbwand befinden sich in der Ecke weitere Figuren. Kurzgeschichten und Tagesnachrichten, die buchstäblich mit eingefädelt wurden. Durch diese zwei Handlungsstränge (das große Gesamtbild und die kleinen Figuren) wird der Teppich zur lebendigen „Bildgeschichte“ und, erinnert an zeitgenössische Techniken wie Graffiti oder Comics. Diese Spontanität erreicht Andrea Milde auch durch die Herstellungsbedingungen. Ein Webstuhl lässt sich nicht wie ein Handy in der Hosentasche mittragen, sondern braucht einen eigenen Raum. Um die Weberei dennoch mit dem heutige Arbeitsverständnis - das Flexibilität und Beweglichkeit fordert - kompatibel zu machen, kreiert Andrea Milde Aktionen im öffentlichen Raum und arbeitet seit 2018 an dem Projekt KuKuMobil, einem mobilen Webstuhl.

In seiner fortdauernden Untersuchung der Beziehungen und Grenzen von Kunstwerk und Betrachter*in arbeitet Roland Schefferski unter anderem mit Zeichnungen, Installationen und Objekten. Eine von seinen Arbeiten, der gelbe Vorhang mit dem Titel Das Paar (1994), erzählt von einem täglichen Ritual eines Liebespaares. Die Liebenden sich nachts zugewandt, trennen sich tagsüber beim Öffnen des Vorhangs. Abends, wenn die Galerie schon geschlossen ist, treffen sie sich wieder, und sind für Passanten als Schattenumrisse sichtbar. Diese und andere textile Arbeiten werden durch eine interaktive Aktion begleitet. Die Berliner (2000–2019) realisiert dies mithilfe von Kleidungsstücken - Jacken, Sakkos und Mäntel - mit aufgestickten Schattenumrissen von realen Personen, die dem Ausstellungspublikum zum Tragen angeboten werden. Die interessierten Besucher können sie im Tausch für ihre eigenen Kleidungstücke ausleihen und diese tragend nicht nur die Ausstellung besichtigen, sondern sogar die Galerieräume verlassen. Das Kunstobjekt wird somit greifbar und bewegt sich mit der Person, die es gerade trägt. Mit diesem dynamischen Kunstwerk knüpft Schefferski an die Idee von Oskar Schlemmer, der sich mit der korrespondierenden Beziehung zwischen Figur und Raum beschäftigte und die Fixierung der Bewegungen in plastischen Werken als einschränkend empfand. Durch die Teilhabe der Zuschauer*in überwinden Die Berliner das unbewegliche, statische Objekt und mit ihrem dynamischen Charakter ermöglichen sie die Wahrnehmung von Kunst als einen zeit- und raumbezogenen Prozess zu verstehen.

Der Titel Die Fäden einer Verwandtschaft entstammt dem Buch „Die Jahre“ von Annie Ernaux (2017). Sie verweist auf die Verwandtschaft als mitgegebene und als gewählte zwischenmenschliche Verbindung, die in beiden künstlerischen Positionen eine zentrale Rolle spielt. In dieser Ausstellung deutet die Verwandtschaft ebenfalls auf die enge oder lose verstrickte Verwandtschaft zwischen den in der Ausstellung gezeigten Arbeiten und der Bauhauslehre hin. Mit Die Fäden einer Verwandtschaft möchte die Galerie Bernau eine aktuelle und alternative Auseinandersetzung mit dem Bauhauserbe ermöglichen.

 

Andrea Milde (geb. 1963 in Ennepetal, Deutschland) lebt und arbeitet in Berlin. Seit über 30 Jahren widmet sie sich der Bildwirkerei – einer komplexen Textiltechnik, die schon in der Antike bekannt war und ihren Höhepunkt im Spätmittelalter erlebte. Sie studierte an der Ecole d’Art Dekoratif d’Aubusson (Frankreich). Ihre Arbeiten waren unter anderem im Textil Museum Washington (Vereinigte Staaten), im Marmorpalast St. Petersburg (Russland), im Textilmuseum Neumünster und im Tuchmachermuseum Bramsche zu sehen.

Roland Schefferski (geb. 1956 in Katowice, Polen) lebt und arbeitet seit 1984 in Berlin. Er studierte an der Hochschule für bildende Künste in Breslau (Polen). Seine Arbeiten wurden unter anderem im Kunstmuseum Bonn, im Nationalmuseum Krakau, im Märkischen Museum in Berlin, in Kunstsammlungen in Chemnitz, im Zentrum für zeitgenössische Kunst in Danzig und in Warschau, im Museum Ostdeutsche Galerie in Regensburg und im Künstlerhaus Bethanien in Berlin gezeigt. Parallel zu Ausstellungen in Galerien und Museen arbeitet Schefferski im öffentlichen Raum.

Text: Frederiek Weda